Harte Kost (Spieltag 10)

Als ich das erste Mal auf die Uhr sah, wie lange es noch bis zur Halbzeit ist, war die erste halbe Stunde noch nicht vorbei. Da schmerzten mir bereits der Kopf vom Spiel, der Hals vom Geschrei und der Kiefer vom Zähneknirschen.

Es war nicht mein bester Tag und auch nicht der beste Tag der Borussia. Ich war nervös und verunsichert nach der Pokalklatsche und auch immer noch pessimistisch von der Niederlage gegen Freiburg. Die Mannschaft war angespannt, entschlossen vielleicht, aber definitiv nicht frei im Kopf. Fortuna war ebenfalls entschlossen und brachte, zumindest in Halbzeit 1, auch alles mit, um uns das Leben schwer zu machen. Und so entwickelte sich genau das zähe Spiel, das ich so ungern sehe und bei dem ich mich meist mehr auf das Negative konzentriere als auf die gelungenen Aktionen.

So sah ich gestern zu wenig Tempo in der ersten Halbzeit, einen Linksverteidiger, der in der Rückwärtsbewegung nicht mit seinem Gegenspieler mitkam, schlecht abgestimmte Lauf- und Passwege (vor allem von  und zu Raffael), eine grauenhafte Zweikampfquote, versprungene Bälle, Pässe ins Nichts und viel Ballzirkulation, die man wahlweise geduldig oder unentschlossen nennen kann. Ich regte mich über Hofmann auf, über Wendt, über den Schiedsrichter, über die Fans (gegnerische wie eigene) und über die Zuschauer rund um uns, die nicht mal 45 Minuten still sitzen und das Spiel anschauen können. Summa summarum ein gebrauchter Tag.

Die zweite Halbzeit lief besser, unabhängig von den Toren, auch wenn ich der Ansicht bin, dass der Kann-Elfmeter der wichtigste Wendepunkt im Spiel war. Hätte es weiter Unentschieden gestanden oder die Fortuna gar mal einen ihrer Vorstöße in ein Tor umgemünzt, ich bin mir sicher, der Rest des Spiels wäre genauso übel gelaufen wie Halbzeit 1 und wir hätten noch mehr Nervosität und Konfusion bei unseren Spielern gesehen.

Ich hatte mir den Wechsel von Johnson für Raffael gewünscht, der dann auch kam – wegen der Unterstützung von Wendt, aber auch wegen des Positionswechsels von Pléa. Mir gefiel Pléa deutlich besser im Zentrum und vor allem mit der dadurch engeren Verbindung zu Hazard. Die beiden wirken auf mich viel eingespielter zusammen, mit manchmal geradezu intuitiver Abstimmung. Auch neigen Pléa und Johnson nicht so sehr dazu, sich vorne festzufummeln, wie es mich bei Hazard und Raffael in Halbzeit 1 genervt hatte.

Mit dem Spiel letztlich versöhnt haben mich am Ende nicht die drei Tore sondern das (zweimalige) Re-Live am TV und die eine oder andere qualifizierte Analyse in Print und Podcast. Im TV sah das alles nicht ganz so übel aus und der Sieg erschien insgesamt durchaus verdient. Auch die Atmosphäre wirkte lauter und stimmungsvoller als von meinem Platz (oder von meiner Laune?) aus. Summa summarum würde ich mich auf ein „Haken dran, weiter geht’s“ einigen.

Es ist schön, wenn gebrauchte Tage auch mal mit 3 Punkten auf dem Konto enden können. Geradezu verblüfft nahm ich abends den Tabellenplatz zur Kenntnis. Nach einem Platz 2 haben sich dieser Tag und auch die davor wirklich nicht angefühlt. Die insgesamt durchwachsene Leistung aber nehme ich mir mit in die nächsten Wochen als Reminder, dass dieser Tabellenplatz nichts als Makulatur ist.

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Es bleibt zwiespältig (Spieltag 8 & 9)

„But can they do it on a Friday night in Freiburg?“ Mit dieser Frage brachte es @binger05 im Vollraute-Podcast auf den Punkt. Nachdem das Spiel gegen Mainz unerwartet gut lief, hatte ich mit mir selber eine kleine Abmachung getroffen: in meinem ewigen Mäandern zwischen Optimismus und Miesepetrigkeit würde ich die Bilanz der beiden Spiele gegen Mainz und Freiburg für mich entscheiden lassen, wie ich die weitere Hinrunde angehen würde: hoffnungsvoll und optimistisch, zuversichtlich, dass wir Rückschläge verkraften und Lösungen finden? Oder weiter misstrauisch abwartend, dass das Strohfeuer ausbrennt und wir wieder in der spielerischen Mittelmäßigkeit der beiden vergangenen Saisons versacken?

Ich habe das Spiel nicht gesehen, es lediglich am Freitag Abend im Radio verfolgt. Danach konnte ich mich nicht mehr aufraffen, es mir noch mal anzusehen. Zu frustriert war ich von dem, was ich gehört hatte. Für mich selbst verblüffend war ich das aber nicht auf meine übliche, eher traurige Weise, sondern ich war ernsthaft verärgert, geradezu giftig darüber, dass wir uns ein weiteres Mal die Zähne ausgebissen haben an diesem Gegner, bei dem wir Jahr um Jahr unseren Murmeltiertag erleben.

Und dabei hatte es gegen Mainz noch so gut ausgesehen und nicht nur mich zuversichtlich gestimmt, dass diese Saison auch gegen die zähen Gegner was drin sein könnte, wir vielleicht endlich den Stein der Weisen gefunden hatten. Nunja, dem war wohl nicht so. Gut genug für ein Mainz, das einen schlechten Tag hatte, aber nicht für Freiburg mit einem guten.

Wo lässt mich das nun in meinem Deal mit mir selbst und in der Hängepartie zwischen Zuversicht und Missmut? Es wird wohl noch eine Weile bei diesem Spagat bleiben, in dem ich alle Spiele mit dem Gedanken angehe, dass ich weiß, dass wir es können, aber nicht weiß, ob wir es auch schaffen. Immerhin zeigt mir mein Ärger, dass ich es dieser Mannschaft ernsthaft zugetraut hatte, die Freiburg-Nuss diesmal zu knacken. Das zeugt von Vertrauen. Und das ist ja auch was Schönes.

Ich wurde befragt

Zum Spieltag gegen Mainz durfte ich der Wortpiratin einige Fragen zum Spiel, zur Borussia und zu meinem Verhältnis zu ihr beantworten. Die Fragen waren sehr spannend und teilweise auch sehr komplex, daher ist es insgesamt ein ziemlich langer Text geworden.

Es war auch für mich persönlich sehr interessant, diese Fragen zu beantworten, da ich einige Dinge zum ersten Mal in dieser Tiefe reflektiert habe. Aus einem Interview mit neuen Erkenntnissen über sich selbst herauszugehen, ist ja auch ein sehr schönes Resultat.

Hier geht’s zum Interview

Jetzt gilt’s (Spieltag 8)

Die Bayern besiegen und so, das ist ja alles schön und gut, aber die nächsten beiden Spiele sind für mich die wahren Bewährungsproben. Von ihnen hängt für mich ab, ob ich die Saison optimistisch oder weiter pessimistisch angehe. Das erste dieser beiden Spiele steht heute an.

Mainz ist immer so ein Gegner, auf den ich mich nicht besonders freue. In meiner Erinnerung verdichten sich die Spiele gegen Mainz zu einem langen endlosen Krampf, in dem wir offensiv verzweifelt versuchen, eine Lücke zu finden, durch die hindurch wir vielleicht endlich mal den Ball und mindestens einen Spieler nach vorne schieben können, und gleichzeitig defensiv nicht in der Lage sind, uns gegen das aggressive Anlaufen der Gegenspieler zu wehren, die uns ständig den Ball vom Fuß klauen.

Das geradezu ikonische Bild, in dem Oscar Wendt mal wieder keine freie Anspielstation findet und den Ball zum zigsten Mal zurück Richtung Strafraum spielt, es trägt, wenn man genau hinschaut, die Bildunterschrift ‚Mönchengladbach – Mainz‘.

Das ist das Spiel, das ich gerne abgestellt sehen möchte.

Das konsequente, aggressive und sehr effiziente Verteidigen, das Mainz gerade diese Saison so gut beherrscht, ist in meiner Wahrnehmung der Fußball, den momentan die meisten Bundesliga-Mannschaften anstreben, und es macht mich kirre, dass wir dagegen noch kein tragfähiges Rezept gefunden haben.

Aber diese Saison ist ja vieles anders und gerade im letzten Spiel wurde noch mal auf ganz verblüffende Weise demonstriert, dass Hecking und die Mannschaft Gegner und Fans überraschen können. Ich bin also gespannt, ob wir heute wieder Unerwartetes zu sehen bekommen.

Oops (Spieltag 7)

Waren die Bayern so schlecht oder waren wir so gut? Dies schien nach dem Spiel wie auch nach dem Spieltag die zentrale Frage. Ich hatte nicht die Möglichkeit, viele neutrale Berichte zu konsumieren und habe daher bis jetzt keine für mich befriedigende Antwort gefunden.

Das Fazit im Sportstudio war klar: die Bayern waren offensichtlich so schlecht, dass sie an diesem Tag jedes Team geschlagen hätte. Viel Tamtam um die (ja, wirklich haarsträubenden) Fehler der Bayern, die Leistung der Gladbacher schien keine gesonderte Analyse wert. Das ärgerte mich nicht nur aufgrund der üblichen Fan-Eitelkeit, die gerne eine entsprechende Würdigung dieses Erfolgs gesehen hätte, sondern auch, weil ich gern verstanden hätte, was wir in diesem Spiel richtig gemacht haben. Denn das zu verstehen bedeutet, einschätzen zu können, ob man auf diesen Erfolg etwas bauen kann, mehr daraus mitnehmen kann als ein gutes Gefühl und eine Streicheleinheit fürs Ego (und eine Menge überflüssigen Hype in gewissen Medien).

Ziehe ich die Berichte durch die mehr oder weniger dicke Borussia- oder Bayernbrille ab, bleiben mir diese Woche nur ein Bericht in der FAZ, Tobias Eschers freundliches Lob bei Bohndesliga, der Rasenfunk und meine eigenen Beobachtungen. Aus ihnen puzzle ich jetzt mal mein persönliches Fazit zusammen: „Oops (Spieltag 7)“ weiterlesen

Außer Konkurrenz (Spieltag 7)

Ich bin vermutlich nicht die Einzige, für die das Spiel gegen die Bayern die Attraktivität eines Zahnarztbesuchs hat (an dieser Stelle eine Entschuldigung an meine ganz wunderbar liebenswürdige Zahnärztin). Das Gefühl, dass man sich in München die alljährliche Klatsche abholen darf, dämpft die Freude auf den Spieltag doch gewaltig.

Mit ein wenig Nachdenken und Blättern in den Ergebnissen vergangener Jahre wird mir klar, dass diese Miesepeterei eigentlich unbegründet ist, denn unsere Bilanz gegen die Bayern sieht gar nicht so schlecht aus. Seit 2011 haben wir 18 Punkte gegen die Bayern geholt – so viele wie keine andere Mannschaft in dieser Zeit – und die Bayern nur 21 gegen uns. Theoretisch ist also alles offen.

Und doch: heute hab ich keine Lust. Also grabe ich tiefer auf der Suche danach, was mir die Freude an diesem Spiel nimmt. Und ich denke, es ist wohl die Tatsache, dass ich dieses Spiel schon vor Jahren aus meinem mentalen Saisonkalender gestrichen habe. Das Bayern-Spiel läuft einfach außer Konkurrenz, wohl auch weil die Bayern außer Konkurrenz laufen. Die Liga ist für die Bayern irrelevant und die Bayern sind für mich irrelevant.

Für mich fühlt es sich an, als beginne die Länderspielpause schon heute. Mit einem Freundschaftskick, dessen Ausgang mir egal ist, ein Muster ohne Wert. Nations League in der Allianz-Arena. Es wird also eher entspannt für meinen Puls heute. Hoffentlich wird es wenigstens ein schöner Kick.