Vom Zauber der Echtzeit – Stadiongedanken

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Es ist Samstag, 14 Uhr. Ich sitze im Stadion und genieße die Herbstsonne. Beim Anpfiff merke ich, wie sich eine Mischung aus friedlicher Ruhe und gespannter Aufmerksamkeit in mir ausbreitet. Da ist es wieder, das Stadiongefühl.

Stadionfußball und Fernsehfußball, das sind zwei verschiedene Planeten, das weiß jeder. Aber was für Planeten und warum man das eine oder andere bevorzugt, das muss jeder für sich herausfinden. Ich bin für mich gerade dabei.

Mein erster Stadionbesuch – nach neuer Zeitrechnung – war ziemlich überwältigend. Ich saß fassungslos auf der Osttribüne des Borussiaparks und hatte das Gefühl, zum ersten Mal im Leben ein Fußballspiel zu sehen. Taktikanalysen, Spielstile, Laufwege, lauter Begriffe, die mir jahrelang zusammen mit all dem anderen Kommentatorenmüll durch die Ohren gerauscht waren, ergaben auf einmal Sinn. Ich konnte mit eigenen Augen sehen, wer wie gegen wen agierte und wusste am Ende, warum Borussia gewonnen hatte. Ohne dass es mir einer erklären musste.

Dieses Gefühl, endlich zu verstehen, was da passiert und warum!!, meine Güte, das Warum!!, war einfach unbeschreiblich und hat die Lawine losgetreten, die mich öfter und öfter und noch öfter ins Stadion treibt.

Klar ist die Stimmung großartig, der Support einmalig, der gemeinsame Jubel mit fremden Menschen, wenn ein Tor fällt, ist wirklich unbeschreiblich schön.  Aber sie sind es nicht, die mich so magisch ins Stadion ziehen. Der stärkste Magnet ist und bleibt das Gefühl, nur dort diese Zauberwelt zu durchschauen.

Und doch merke ich in letzter Zeit, dass da noch etwas ist. Etwas, das mich dem Fernsehbild noch mehr entfremdet und etwas, das mich ins Regionalligastadion treibt statt in den Borussiapark.

Eine der größten Umstellungen, als ich anfing, Spiele im Stadion anzuschauen, war die Tatsache, dass ich auf einmal keine Wiederholung und keine Zeitlupe mehr zur Verfügung hatte. Es ist verblüffend, wie man sich daran gewöhnen kann, eine Spielsituation mehrfach und aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Abseits, ja oder nein? Foul, ja oder nein? Bösartige Absicht oder ungeschicktes Herumgestocher? Diese Dinge erscheinen einem am Fernseher so viel eindeutiger als im Stadion und man reflektiert kaum noch, wie weit dieser vermeintlich klare Blick auf die Dinge von der wirklichen Realität und der Echtzeit entfernt ist.

Der Augenblick ist im Stadion unwiederbringlich. Einen Moment nicht Acht gegeben und du hast das Tor oder den entscheidenden Pass verpasst. Oder nicht genau genug gesehen. Die Szene ist im Nu vorbei, der Moment wird vom nächsten abgelöst, unaufhaltsam schreitet das Spiel voran.

Das ist schade in perfekten Glücksmomenten, wenn man das Tor am liebsten in Zeitlupe sehen und den perfekten Diagonalpass für alle Ewigkeit einfrieren möchte.

Weniger schade ist es, wenn einer deiner Lieblingsspieler mit einer offensichtlich schweren Verletzung am Boden liegt und sich kein Mensch nach der Superzeitlupe sehnt. Oder wenn dein Spieler das Eigentor des Jahrhunderts schießt. In diesen Momenten hat es sogar etwas Tröstendes, dass man die Bilder nicht noch mal sehen kann und dass man sich auch nicht ewig mit der Frage beschäftigen kann, wer wann was hätte anders machen können oder müssen, um das zu verhindern.

Nichts fördert die ‚Mund abputzen, weitermachen‘-Mentalität so sehr wie die Abwesenheit von Fernsehbildern und Nahaufnahmen. Das Spiel wird wieder angepfiffen, weiter geht’s, muss ja. Und wer zu sehr dem vergangenen Augenblick nachhängt, verpasst schon wieder den gegenwärtigen.

Ich war anfangs noch überfordert mit dieser ständig notwendigen  Aufmerksamkeit, ähnlich dem Fahranfänger, der nicht weiß, wohin er zuerst schauen soll. Auch hat es mich irritiert, keinen klaren Blick auf die Ereignisse zu haben, nur eine Perspektive und die fast immer parteiisch. Nicht (nur) weil ich zur Borussia halte, sondern weil ich unsere Spieler besser im Blick habe, klarer sehe, was sie tun und besser einschätzen kann, wie sie eine Situation angehen.

Doch mit der Zeit empfinde ich diese Sicht als mehr und mehr befreiend, hin zu dem Punkt, wo ich kein Bedürfnis mehr nach dem späteren Fernsehbild habe, ja, das Regionalligaspiel bevorzuge, wo ich weiß, dass es niemals Fernsehbilder geben wird. Was ich hier und jetzt nicht sehe, werde ich niemals sehen. Verpasste Momente sind im Nu Vergangenheit, ich lasse sie ziehen und merke, wie ich mich dabei entspannt zurücklehne.

Auf diese Weise betrachtet wird das Fußballspiel sogar zur Metapher fürs ganze Leben. Jeden Augenblick ist Achtsamkeit gefordert, das Eintauchen in den Moment, um ihn ganz erleben und auskosten zu können. Und jeden Augenblick ist auch Loslassen gefordert, den vergangenen Moment ziehen zu lassen und sich nicht mit dem zu belasten, was jetzt schon wieder Vergangenheit ist und nicht mehr geändert werden kann.

Auf diese Weise ist der Moment im Stadion kostbar, einzig, echt und unwiederbringlich. Ich fühle mich lebendig, ganz bei mir und beim Spiel.

Gefangen im Zauber der Echtzeit.

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4 Gedanken zu “Vom Zauber der Echtzeit – Stadiongedanken

  1. Schön geschrieben, mit tollen Bildern, die beschreiben, was ich nicht ausdrücken kann. Die Magie zu verstehen, was da gerade passiert, ohne die Beeinflussung von Sportkommentatoren. Fußball ohne Stadion wäre auch für mich nicht mehr dnkbar. Danke für diesen Blog.

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