#dabeisein Runde 3: Curling – ein Wimmelbild.

#dabeisein Runde 3: Curling – ein Wimmelbild.

Curling war eigentlich die erste Sportart, die auf meiner Liste stand, aber am Ende hat es doch 2 1/2 Jahre gedauert, bis ich es jetzt endlich geschafft habe, ein Event zu besuchen. Wenn man nicht gerade in Hamburg oder im Allgäu wohnt, ist es gar nicht so einfach, in Deutschland zu einem Curling-Turnier zu gehen. Die Turniere, die meist 2-3 Tage dauern finden natürlich dort statt, wo die Clubs ansässig sind. Die PR hält sich in Grenzen, die Terminkalender im Netz sind je nach Verein mäßig gepflegt und man muss schon ein bisschen mehr googeln und auch ein bisschen Glück haben, dass man von einem Turnier nicht erst erfährt, wenn es vorbei ist und die Siegerfotos gepostet werden.

Nachdem es zwei Jahre lang nicht mit der deutschen Meisterschaft geklappt hat, haben wir es aber immerhin dieses Jahr geschafft, an einem der zwei Veranstaltungstage beim Radschläger-Cup in Düsseldorf vorbeizuschauen. Dass Düsseldorf einen Curling-Club hat, habe ich natürlich auch erst durch dieses Projekt erfahren. Es freut mich jedoch doppelt, denn so habe ich zum einen ein Schnupperkurs-Angebot vor der Haustür, falls mich die Lust überkommt, es mal selber auszuprobieren, zum zweiten hatte ich so die Chance, mal das Eisstadion an der Brehmstraße zu besuchen – eine Kultstätte, die ich bislang auch nur von außen gesehen hatte.

2019-03-10 10.01.25

In Sachen Zuschauerzahl haben wir in dieser Sportart auf jeden Fall die Untergrenze von allem erreicht, was ich bislang besucht habe. Die Frage nach Eintritt oder Kasse hatte sich sehr schnell erledigt, denn es gab einfach niemanden, der so etwas benötigt hätte. Alle am Curling Interessierten standen auf dem Eis und spielten. Bis auf ein paar hereingewehte Spaziergänger, die vom Lärm angezogen mal ein paar Minuten hineinschauten, gab es niemanden, der zusah. Die maximale Zuschauerzahl – am späten Nachmittag kamen noch ein paar Leute – betrug 9 Personen. 7  von diesen waren erkennbar Familienangehörige. Die restlichen beiden waren der beste Ehemann und ich.

Es war befremdlich, die einzigen Zuschauer zu sein. Einige Teilnehmer schienen verdutzt, unbekannte Gesichter zu sehen, und ich fühlte mich tatsächlich kurzzeitig unbehaglich, so als ob ich bei einer privaten Party den Gatecrasher spielte. Es kam aber keine Gastgeberin, um uns hinauszukomplimentieren, also blieben wir und versuchten, so gut wie möglich zu erfassen, was auf dem Eis passierte. Das war gar nicht so einfach.

Ich bin seit vielen Jahren Curling-Fan und freue mich immer sehr, wenn der Sport mal wieder im TV zu sehen ist. Das ist natürlich immer bei Olympia der Fall – dort ja fast schon Kultsportart -, aber meine liebste Erinnerung ist der EM-Titel des deutschen Teams 2002, als ich Spiel für Spiel am Bildschirm klebte und mitfieberte. Dass ich durch das viele Zuschauen am Fernseher den Spielverlauf und die Regeln schon ziemlich gut kenne, war heute sehr hilfreich, denn der erste spontane Unterschied zwischen dem Fernseh- und dem „Stadion“-Erlebnis war das unglaubliche Gewimmel auf dem Eis. Es gab sechs Bahnen, auf denen gleichzeitig gespielt wurde, das heißt 48 Spieler*innen und ihre Steine waren gleichzeitig in Aktion. Die Bahnen waren viel näher nebeneinander und auch nicht so schön durch Kunststoffbanden voneinander abgegrenzt, wie man es im TV sieht. Mir war nicht zu jedem Zeitpunkt klar, welche Steine zu welcher Bahn gehörten. Auch die Mitglieder eines Teams waren nicht immer klar zu identifizieren, aber da hatte ich mich nach einer Weile wenigstens orientiert. In mindestens einem Fall waren auch die Steine eines Teams nicht einheitlich in ihrer Grifffarbe. Dadurch konnte ich nicht sehen, wessen Steine im Haus besser platziert waren und die Dramaturgie dieser Partie entging mir völlig.

Überhaupt: die Dramaturgie. Curling im Fernsehen, das ist für mich eine Mischung aus Meditation, Konzentration und Spannungsbogen, die sehr fasziniert. Mit Schach wird es verglichen, mich erinnert es oft auch an Billard, doch mir scheint, der Sport wirkt wohl auch durch die Fernsehbilder so getragen und fokussiert, wo die Nahaufnahmen, der schmale Bildwinkel, die Draufsicht aufs „Haus“ und nicht zuletzt auch der Ton, der den Lärm drumherum ausfiltert, den Zuschauenden die Konzentration auf ein einzelnes Spiel ermöglichen und so eine Ruhe suggerieren, die ich heute vor Ort so gut wie gar nicht erlebt habe. Nur ein kleiner Anklang des Fernsehfeelings kam auf, als am Ende der ersten Session alle Spiele bis auf eines beendet waren und so tatsächlich der Fokus nur noch auf dieser einen Partie lag. Den Rest der Zeit schweiften mein Blick und meine Aufmerksamkeit permanent von Bahn zu Bahn, von vorne nach hinten, von rechts nach links und meist einem gleitenden Stein hinterher, egal zu welcher Partie dieser nun gehörte. Wie es wo stand, bekam ich kaum mit, erst sehr spät entdeckte ich die kleinen manuellen Anzeigetafeln an jeder Bahn, wo man wenigstens den Spielstand erkennen konnte (wenn man denn wusste, welches Team rechts und welches links angezeigt wurde). Das Ergebnis des gesamten Turniers konnte ich eh nicht abschätzen, da wir den ersten Tag nicht gesehen hatten und es keinerlei Information gab, wie diese Partien ausgegangen waren. (Man merkte auch hier, dass wohl niemand mit interessierten Dritten rechnet.) Es gab vier Runden, in denen die Teams in unterschiedlichen Konstellationen gegeneinander spielten, nicht jeder gegen jeden, dafür waren es zu viele Teams, aber es gab anscheinend auch kein Finale oder zumindest keines, das als solches erkennbar gewesen wäre.

Für mich war das jedoch kein Problem, denn eine Curling-Partie hat ja in jedem End kleine dramatische Momente, in denen man ganz unabhängig vom Gesamtergebnis in den Bann gezogen wird. Wir dieser eine Stein die Linie halten? Passt die Länge? Eckt er an oder findet er die Lücke? Es gab auch ohne Überblick genug zu sehen und mitzufiebern.

Die Partie, die ich noch am besten im Auge behielt, endete mit zwei dramatischen Ends, in denen zunächst das junge (ich glaube tschechische) Team einen 5:9-Rückstand im vorletzten End ausglich, um dann im letzten End doch noch zu verlieren, als der Düsseldorfer Skip den letzten Stein gekonnt mitten ins Haus legte und so den entscheidenden Punkt holte. Dass dieses Team damit auch das Turnier gewonnen hatte, erfuhr ich dann am späteren Abend.

Leider war der Vormittag viel zu schnell und durch die fast gleichzeitig endenden Partien auch ziemlich abrupt vorbei. Die Gesamtdramaturgie eines Turniers mit Halbfinals und Finale ergibt sich in diesem Spielmodus nicht. Auch hier zeigt sich wieder, dass es mehr um die Spielenden geht, die alle noch mehr oder weniger lange Heimfahrten haben und so nicht unnötig Zeit mit Herumsitzen und dem Zuschauen bei einem Finale verbringen. Alle Partien endeten innerhalb eines überschaubaren Zeitfensters, man packte zügig Steine und Equipment ein (die Eisbahn wurde für anderes gebraucht) und verschwand zum Umziehen und der Siegerehrung. Wir zwei Zuschauer trollten uns und wärmten uns bei einem feudalen portugiesischen Mittagessen wieder auf.

Wie lautet mein Fazit zum Curling? Alles anders, so viel ist klar. Der Kontrast zwischen dem, was ich aus dem Fernsehen kenne, und dem Geschehen in der Halle war riesig. Aber schön war es auch – verwirrend, laut und hektisch, spannend und immer noch faszinierend. Meditativ und fokussiert? Eher nicht. Und doch: diese Steine ziehen mich einfach in ihren Bann: ihr gleichmäßiges Gleiten, das sanft kratzende Geräusch auf dem Eis und – seit heute – das Vibrieren der Eisfläche unter ihnen. Wenn man am Rand der Eisfläche steht und die Hand auf die Bande legt, spürt man, wie der Stein vorbeigleitet, sogar wenn dieser drei Bahnen entfernt ist. Das Gefühl ist irgendwie elektrisieren und einfach wundervoll. Allein für dieses Gefühl haben sich der Weg nach Düsseldorf und die kalten Füße schon gelohnt.

2019-03-10 10.05.15

 

#dabeisein Runde 2: Badminton. Konzentration und Kondition.

#dabeisein Runde 2: Badminton. Konzentration und Kondition.

Zwei Jahre sind vergangen, bevor ich es endlich geschafft habe, die nächste Runde meines #dabeisein-Projekts anzugehen. Das Leben, das Universum und der ganze Rest kamen dazwischen. Aber jetzt ging es endlich weiter und die Wahl für Sportart 2 fiel auf Badminton.

Mit Mülheim und Beuel trafen der Vorjahres-Vierte und -Zweite der Bundesliga aufeinander, das versprach eine spannende Partie. Wir hatten beschlossen zu Mülheim zu halten, zum einen, weil sie der Heimverein waren, zum anderen weil wir beiden Borussen uns dem Charme verblasster Meistertitel aus den Siebzigern natürlich nicht entziehen können. Und es wurde dann auch spannend. Und die Mülheim-Fans kamen auf ihre Kosten. „#dabeisein Runde 2: Badminton. Konzentration und Kondition.“ weiterlesen

#dabeisein Runde 1: Tischtennis. Moment und Dramaturgie.

#dabeisein Runde 1: Tischtennis. Moment und Dramaturgie.

Gestern war also das erste Event meiner olympischen Entdeckungsreise. Es ging zum Tischtennis zur Düsseldorfer Borussia. Der Favorit gewann standesgemäß mit 3:1, dennoch waren einzelne Matches deutlich spannender, als es das Endergebnis vermuten lässt. Insgesamt war es ein wirklich schöner Nachmittag, mit einer Menge neuer Eindrücke, die ich jetzt mal zu sammeln versuche.

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#dabeisein Runde 1: Tischtennis. Vor dem Spiel.

Die erste Hürde meines #dabeisein-Projekts stellt sich tatsächlich schon in der Recherchephase. Wie heißt eigentlich der Verband? Welche Vereine, welche Wettbewerbe gibt es? Gibt es überhaupt eine nationale Liga, eine Meisterschaft? Schon in der Auffindbarkeit im Web zeigen sich Unterschiede zwischen den Sportarten und sie setzen sich fort in der Anzahl Vereine, die man findet, der Professionalität und Aktualität ihrer Webseiten und der Leichtigkeit, mit der man Informationen zu Wettkampfterminen, Anreise und Tickets bekommt. Zwischen Sportarten wie beispielsweise Volleyball einerseits und Modernem Fünfkampf oder Curling andererseits liegen da schon Welten.

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#dabeisein ist alles – eine olympische Entdeckungsreise

Endlich wieder Bundesliga. Das ist der Seufzer, der sich durch mein Umfeld und meine Twitter Timeline zieht. EM, Olympia, alles schön und gut, aber nur mit Ligafußball hat das Zuschauerleben einen Sinn.

Und doch beschäftigte mich schon in der letzten Saison der Gedanke, dass der Fußball doch nicht alles sein kann. Es reizt mich, mir anderen Sport anzusehen, vor dem Fernseher war ich schon immer ein Sportjunkie und schaute mir alles an, was das Programm hergab. Leider ist es in den vergangenen Jahren gefühlt zwar immer mehr Sendezeit, aber immer weniger Vielfalt geworden. Wo ich früher Galopprennen, Tischtennis oder Dreiband Billard sah, scheint es jetzt im TV über weite Strecken nur noch Fußball oder wahlweise Biathlon zu geben.

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