Nunja, kurz gesagt: weil ich da herkomme. Das ist wohl die häufigste Antwort auf die Frage, warum man einen bestimmten Verein gut findet, und die spannenderen Geschichten stammen oft von Leuten, die nicht diesen Weg gegangen sind und sich ihren Lieblingsverein nach bestimmten Kriterien oder Gefühlen ausgewählt haben oder vielleicht gar immer noch auf der Suche sind und für die vielleicht – ähnlich einer Odyssee – der Weg schon das Ziel ist.

Und dennoch steckt auch im schlichten „weil ich da herkomme“ ein Charme und eine gewisse Tiefe, die sich vielleicht nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Kinder, die schon bei der Geburt im Verein angemeldet wurden, Eltern, die im Kampf um die Fanseele des Sprösslings Bayerntrikots (Papa) versus Fortunabettwäsche (Mama) schenken, Kollegen in der Ausbildungszeit, die dir neben Skat und auf den Fingern pfeifen auch beibringen, welcher Verein der „richtige“ und welcher bitteschön der „falsche“ ist – all das sind kleine Anekdoten oder manchmal auch Dramen, die zeigen, wie viel Emotion und wie viel Psychologie in der Vereinswahl stecken und wie häufig das mit Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und Vertrautheit zu tun hat.

Wie so viele Fans wurde auch ich lokal geprägt. Am Niederrhein aufgewachsen, war der fußballerische Bezugspunkt immer die Borussia. Jeder in der Familie und jeder im Dorf ist und war Borussiafan. Und die wenigen, die es mit anderen Vereinen hielten und halten, sind auch heute noch jedem im Dorf bekannt. Da hängt trotzig die BVB-Fahne im Fenster und die Nachbarschaft zieht die Augenbrauen hoch und weiß, hier wohnt ein Jugendlicher, der gerade eine Abnabelungsphase durchmacht. Oder dort ein Zugezogener, der aus dem hohen Norden eine Flagge mitgebracht hat, in der das Schwarz vergessen wurde. Sachen gibt’s!

Hier aufzuwachsen hieß also, eigentlich immer nur Borussiageschichten zu hören. Hier in den Siebzigern aufzuwachsen hieß noch dazu, Erfolgsgeschichten zu hören. Große Stars, große Spiele, große Triumphe. Man war stolz und man war immer dabei. Selbst Menschen, die sich nicht für Fußball interessieren und sich auch nicht auskennen, kennen die alten und die neuen Geschichten und können jederzeit einen Smalltalk über Wohl und Weh der Borussia bestreiten. Und so war mein Wissen über die Borussia und mein Interesse an der Borussia über weite Strecken sogar größer als mein Interesse am Fußball. Ich hatte lange Zeit keine Lust, mir ein Spiel anzuschauen, aber ich musste doch immer wissen, wie „wir“ am Wochenende gespielt hatten, welche Spieler zum Saisonende kamen und gingen und wie sich das auf die Mannschaft auswirken würde.

Heute hat sich das Verhältnis intensiviert, ich bin Mitglied und Dauerkartenbesitzerin, verpasse so wenige Spiele wie möglich, lese viel und schreibe hier sogar selber über die Borussia. Meine heutige Bewunderung gilt der Tatsache, dass der Verein es immer wieder schafft, aus eher suboptimalen Standortfaktoren (relativ kleine Stadt, Grenzgebiet, große etablierte Konkurrenz in unmittelbarer Nähe) viel herauszuholen und kontinuierlich auf Erst- oder Zweitliganiveau zu agieren. Mit Vereinen wie Uerdingen oder Essen und Duisburg in der Nachbarschaft sieht man immer wieder, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Auch die konsequente Förderung von jungen Talenten und der pragmatische Umgang mit dem alljährlichen Ausverkauf dieser Talente sind Eigenschaften, die ich an meinem Verein sehr schätze. Diese jüngere Entwicklung und die Philosphie, nach der der Verein unter dem Duo Eberl/Schippers agiert, würden mich heute – hätte ich die freie Wahl – wohl auch dazu bewegen, mich für die Borussia als Verein zu entscheiden.

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